Dorfzukunft 1974

Die Zukunft der Dör­fer, die sich ändern­den Struk­tu­ren in den länd­li­chen Regio­nen und der demo­gra­fi­sche Wan­del wird nicht erst seit heu­te dis­ku­tiert — so auch nicht in Bin­zwan­gen. Über­le­gun­gen des frü­he­ren Bin­zwan­ger Pfar­rers Eck­hardt Rei­chelt aus dem Jahr 1974 zur Zukunft und Zukunfts­fä­hig­keit des Dor­fes zei­gen, dass vie­le The­men von heu­te auch schon vor über 40 Jah­ren aktu­ell waren. Ande­re Aspek­te sind hin­ge­gen heu­te nicht mehr von Bedeu­tung. Trotz­dem über­rascht, wie vie­le ver­meint­lich moder­nen Pro­ble­me und For­de­run­gen von heu­te auch schon 1974 ange­führt wur­den.


Was kön­nen wir tun, um unse­re Dör­fer zu erhal­ten?
Eini­ge Gedan­ken des Orts­pfar­rers Eck­hardt Rei­chelt aus dem Jahr 1974

A. Unse­re Situa­ti­on ist gekenn­zeich­net durch Unsi­cher­heit und Wan­del, der auf Ratio­na­li­sie­rung aus ist: Mol­ke­rei, Raiff­ei­sen­ban­ken, Gemein­de­zu­sam­men­le­gun­gen, Kreis­re­form, Schul­zu­sam­men­le­gun­gen oder auf Pfar­rei­ver­schmel­zun­gen. Fol­gend sind: Abwan­de­rung der lei­ten­den Ange­stell­ten und Beam­ten aus unse­ren Dör­fern. Alte, lang bewähr­te Ein­rich­tun­gen gel­ten plötz­lich nicht mehr, sind nicht mehr zeit­ge­mäß.
Schlag­zei­len: „21000 Bau­ern­hö­fe gaben 1972 auf“
„Weni­ger Bau­ern pro­du­zie­ren mehr“
Auch unse­re Dör­fer ändern sich.

B. Was kön­nen wir tun, um unse­re Dör­fer zu erhal­ten?

1. Wir dür­fen nicht gebannt auf die Ereig­nis­se star­ren wie ein Kanin­chen auf die Schlan­ge. Wir dür­fen nicht alles wil­len­los gesche­hen las­sen und vor allem nicht den Kopf in den Sand ste­cken. Wir müs­sen uns mit den Din­gen befas­sen und das Bes­te für unse­re Situa­ti­on machen. Wir Men­schen sind ja nicht für die Gesell­schaft und ihre Ein­rich­tun­gen da, son­dern die­se haben für uns da zu sein. Sie gilt es dar­um mög­lichst weit in unse­ren Dienst zu stel­len. Wie Jesus sagt: Die Men­schen sind nicht für den Sab­bat und sei­ne Vor­schrif­ten da, son­dern der Sab­bat hat den Men­schen zu die­nen.

2. Mit dem rasen­den Wan­del aller Wer­te und Vor­stel­lun­gen, dem Wan­del der alten Ein­rich­tun­gen und Funk­tio­nen, müss­ten wir als Chris­ten noch am leich­tes­ten fer­tig wer­den. Zeigt uns die­ser Wan­del doch, dass alles, was von Men­schen für Men­schen gemacht ist, der Zeit unter­wor­fen ist und damit auch der Ver­gäng­lich­keit. Noch nie ist es uns so deut­lich gesagt wor­den, dass auch bei uns alles nicht für die Ewig­keit gilt – auch wenn es noch so alt und bewährt ist, dass unser Leben wirk­lich ein Wan­dern ist – kein Tre­ten auf dem Fleck, son­dern in Wan­dern von hier Got­tes Reich hin. Das gefällt uns nicht immer. Oft wür­den wir ger­ne blei­ben, aber „der Wagen der rollt“, wie es in dem einen Volks­lied heißt. In die­sem Sin­ne sind die fol­gen­den Bemü­hun­gen zu sehen.

I. Die Situa­ti­on:

1. Frü­her alles unter einem Dach:
a) gemein­sa­me Wohn­stel­le
b) gemein­sa­mer Arbeits­platz im Haus und Hof
c) gemein­sa­mer Aus­bil­dungs­ort im Haus, Hof, Schu­le und Kir­che
d) gemein­sa­me sozia­le Absi­che­rung durch Besitz und Eigen­tum. Der Herr sorg­te für den Knecht.
e) gemein­sa­me Sozi­al­kon­trol­le: jeder wuß­te alles über jeden, kei­ner konn­te aus sei­ner Rol­le aus­bre­chen, ohne zu ver­ein­sa­men
f) gemein­sa­me Infor­ma­ti­on bei Arbeit, auf dem Weg, beim Vor­sitz, im Gast­haus, beim Tanz im Ort.

2. In den letz­ten 50 Jah­ren trat ein radi­ka­ler Wan­del ein:
1. Durch die zwei Welt­krie­ge:
a) die vom Kriegs­dienst heim­ge­kehr­ten Män­ner hat­ten ande­re Ver­hält­nis­se ken­nen­ge­lernt und zwei­fel­ten nun die alten Wert­vor­stel­lun­gen an.
b) Eva­ku­ier­te und Hei­mat­ver­trie­be­ne, zum Teil Städ­ter, brin­gen neue Gedan­ken und Vor­stel­lun­gen mit, bil­den manch­mal eine neue Klas­se im Dorf und zei­gen, wie frag­wür­dig eine Glie­de­rung im Dor­fe ist, die auf ererb­ten Besitz und über­lie­fer­te Vor­rech­te beruht.
2. Durch die rasen­de Indus­tria­li­sie­rung haben auf ein­mal bis­her arme Arbei­ter ein gleich­ho­hes Ein­kom­men wie die Land­wir­te, ja Land­wir­te müs­sen sel­ber in die Arbeit gehen.

3. Fol­gen des Wan­dels:
a) Die Ein­woh­ner­zahl nimmt ab trotz Gebur­ten­über­schuß! Die Kin­der blei­ben nicht im Dorf.
b) Die Arbeits­plät­ze vie­ler lie­gen aus­wärts! Das zei­gen die Lohn­steu­er­zah­ler-Zah­len. Mög­lich durch Auto und Indus­trie.
c) Die sozia­le Siche­rung geschieht durch Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge, was zur Fol­ge hat, daß alle Fami­li­en­mit­glie­der vom Hof und Besitz unab­hän­gig wer­den.
d) Drang zur Anony­mi­tät: beim Ein­kauf oder Ver­gnü­gen.
e) Die gemein­sa­me Ver­stän­di­gung geht ver­lo­ren, alle sehen fern. Gemein­sa­me Inter­es­sen wer­den weni­ger, Ver­eins­le­ben oft müh­sam (Schicht­ar­beit), Kir­chen­be­such wird schwä­cher, gemein­sa­me Andach­ten sel­te­ner, weil sel­ten alle zusam­men sind.

II. Mög­li­che Fol­ge­run­gen aus der Situa­ti­on

Aus den Fol­gen müs­sen Fol­ge­run­gen gezo­gen wer­den, damit das Dorf nicht aus­stirbt, damit es nicht zum Wei­ler wird, vor allem aber damit die Gemein­schaft mit all ihren guten Sei­ten nicht völ­lig zer­stört wird. Daher eini­ge Gedan­ken:

1. Woh­nungs­pro­blem
Wenn mög­lichst weni­ge vom Dorf abwan­dern sol­len, müs­sen sie hier woh­nen kön­nen. Es bie­tet sich dafür an:
a) das Wohn­haus aus­zu­bau­en oder auf­zu­sto­cken,
b) einen unbe­nutz­ten Stall umzu­bau­en,
c) Bau­plät­ze anzu­bie­ten.
Regel: Jung und Alt müs­sen völ­lig getrennt leben kön­nen, wenn sie es wol­len (auch Wohn­zim­mer, Küche, even­tu­ell Haus­ein­gang). Das gilt auch bei bis­he­ri­gem Dau­er­son­nen­schein.
Ech­te Erfolgs­chan­cen bestehen: Weil das Dorf die Hei­mat der Kin­der ist – sie darf nur nicht ver­grault wer­den; weil Bau­plät­ze in der Stadt uner­schwing­lich sind; weil die Mie­ten so hoch sind, daß oft ein län­ge­rer Arbeits­weg vom Dorf in die Stadt in Kauf genom­men wird, da die Miet­ein­spa­rung von monat­lich 200–400 Mark den Ver­lust aus­gleicht, der durch gerin­ge­ren Ver­dienst in einer Land­ge­gend und durch län­ge­re Anfahrt­zeit ent­steht; Die Ansied­lung Frem­der im Dorf kann eine noch bestehen­de Gemein­schaft zer­stö­ren, aber auch gute Anre­gun­gen brin­gen.

2. Dorf­ge­stal­tung
Jedes Dorf muß sei­ne eige­ne Atmo­sphä­re behal­ten, nur dann fühlt man sich wohl und bleibt. Jeder modi­sche Abklatsch wird bald lang­wei­lig.
a) Dorf: Kana­li­sa­ti­on und Teer­stra­ßen sind sind selbst­ver­ständ­lich. Grün­flä­chen sol­len kei­ne neu­en Göt­zen wer­den, aber sie sind zu pfle­gen und zu scho­nen. Blu­men und Sträu­cher sind nicht nur vor Hüh­nern, son­dern auch vor Hun­den zu bewah­ren.
b) Häu­ser: Das Fach­werk soll­te erhal­ten blei­ben, es ist gera­de bei uns für die Dorf­at­mo­sphä­re wich­tig. Das Fach­werk paßt in unse­re Dör­fer, weil es von hier ist; es sieht – im Gegen­satz zu ande­ren alten Häu­sern – noch gut aus, wenn es sehr alt ist; Iso­lie­rung ist durch moder­nen Putz mög­lich. Fens­ter: Wenn sie erneu­ert wer­den, soll­ten sie nicht ohne Spros­sen sein. Omas mit Mini­rö­cken sehen komisch aus und wer­den davon nicht jün­ger. Zwei Din­ge sind bei jeder Reno­vie­rung wich­tig: Kom­fort wie in der Stadt. Atmo­sphä­re wie im alten Dorf.

3. Alter­tü­mer
In jedem Bau­ern­haus gibt es „Alter­tür­mer“. Sie gehö­ren dort­hin, wofür sie geschaf­fen sind: ins Bau­ern­haus. Nir­gends pas­sen sie annä­hernd so gut hin. Frü­her waren es Gebrauchs­ge­gen­stän­de, heu­te kön­nen sie als Schmuck die­nen. Man soll­te sie dar­um her­rich­ten las­sen und wenn mög­lich wie­der benüt­zen oder als Schmuck­stü­cke auf­stel­len. Da sie sozu­sa­gen aus dem Haus her­aus­ge­wach­sen sind, geben sie dem Bau­ern­haus die rich­ti­ge Atmo­sphä­re.
Händ­ler: Es ist immer dar­an zu den­ken, daß sie einem nichts schen­ken. Man­che bie­ten für ein wert­lo­ses Stück auf­fal­lend viel und neh­men als sog. „Bei­ga­be“ die wirk­lich wert­vol­len Din­ge für ein paar Pfen­ni­ge mit. Bei­spiel: Bei Kurz wur­den für einen Schrank DM 600 gebo­ten, er soll­te bestimmt am nächs­ten Tag abge­holt wer­den. Dazu nah­men sie für bil­li­ges Geld sog. „Klei­nig­kei­ten“ mit – der Schrank ist immer noch zu haben.

4. Ver­kehrs­an­schluß
Da Schu­len, Arbeits­plät­ze und Ein­kauf­stel­len in die Städ­te ver­legt wer­den, sind gute Ver­kehrs­an­bin­dun­gen sehr wich­tig. Poli­ti­sches Ziel: Bus­li­ni­en müs­sen so ein­ge­führt wer­den, daß Ämter, Ärz­te, Kran­ken­häu­ser, Arbeits­plät­ze, Ein­kauf­stel­len und Schu­len ohne unzu­mut­ba­ren Zeit­ver­lust erreicht wer­den kön­nen.
Es müs­sen hier Men­schen leben kön­nen, die kein Auto haben und nicht auf frem­de Hil­fe ange­wie­sen sein müs­sen. Das Gefühl der Unab­hän­gig­keit und Frei­heit muß sein. Es ist beson­ders wich­tig für die Jugend, wenn sie sich nicht ein­ge­sperrt und den Stadt­kin­dern gegen­über benach­tei­ligt füh­len soll – sonst läuft sie spä­ter weg. Für die Alten: sie blei­ben oder kom­men wie­der, wenn sie spü­ren, daß sie sich auch hier sel­ber ver­sor­gen kön­nen. (Schul­bus­se)

5. Nach­bar­schaft
Für ein gutes Dorf ist gute Nach­bar­schaft die all­ge­meins­te, aber auch wich­tigs­te und ent­schei­dends­te Vor­aus­set­zung. Die Nach­bar­schafts­ver­hält­nis­se haben sich mit der Zeit ver­än­dert. Wenn ein Dorf am Leben blei­ben soll, muß die Nach­bar­schaft in Ord­nung sein, aber auch zeit­ge­mäß.
Ein unge­schrie­be­nes Gesetz heißt: Leis­tung gegen Leis­tung. Das heißt je eine Rei­he von Haus­hal­tun­gen sind eine Rei­he von Ver­pflich­tun­gen ein­ge­gan­gen. Ver­nach­läs­si­gung nach­bar­schaft­li­cher Pflich­ten zogen schwe­re sozia­le Sank­tio­nie­run­gen nach sich: bis zur offi­zi­el­len Auf­kün­di­gung der Nach­bar­schaft, d.h. Deklas­sie­rung und Iso­lie­rung. Je wei­ter wir zeit­lich zurück­ge­hen, des­to stär­ker fin­den wir die Ver­pflich­tun­gen. Dort wo sie heu­te nicht mehr besteht, wur­de sie nicht besei­tigt, son­dern von Insti­tu­tio­nen über­nom­men, die auch eine Gegen­leis­tung wol­len: Geld.

Die nach­bar­schaft­li­chen Funk­tio­nen frü­her und heu­te:
1. umfas­sen­de Hil­fe bei Kata­stro­phen (Feu­er, Krank­heit, Todes­fall), Heu­te: Ver­si­che­run­gen, Dorf-Betriebs­hel­fer, Nach­bar­schafts­hil­fe nur als Zusatz.
2. Aus­hil­fe bei Arbeits­an­häu­fung: Dorf-Betriebs­hel­fer, Nach­bar­schafts­hil­fe nur als Zusatz.
3. Aus­hil­fe beim Haus­bau: immer mehr gehen in die Arbeit
4. Ein­sprin­gen bei All­tags­ver­le­gen­hei­ten
5. Aus­lei­he von sel­ten gebrauch­ten Gerä­ten: zusätz­lich Maschi­nen­ring
6. Anteil an Freud- und Lei­der­eig­nis­sen.
7. Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen: Radio, Fern­se­hen, Zei­tung, Iso­lie­rung durch gro­ße Fel­der und lau­te Maschi­nen
8. Sozia­le Kon­trol­le und sozia­le Aus­rich­tung durch Ori­en­tie­rung an über­lie­fer­ten Ver­hal­tens­wei­sen: zag­haf­te Abson­de­rung bei der Jugend und „Arbei­tern“.
9. Nach­bar­schaft als Basis für regel­mä­ßi­gen gesel­li­gen Aus­tausch (Vor­sitz, Tanz): durch Autos über­all, sel­ten zu Hau­se.

Grün­de für die Ver­än­de­run­gen:
1. Wegen der enor­men Kos­ten muß vie­les von Ver­si­che­run­gen über­nom­men wer­den.
2. Wegen Per­so­nal­man­gel weni­ger Zeit für Aus­tausch (Neben­er­werb)
3. Durch tech­ni­sche Hil­fen wird man von Nach­barn unab­hän­gi­ger, z.B. Strom, dar­aus folgt: Weg­fall des „Vor­sit­zes“ um Licht zu spa­ren.
4. Da man mehr Geld hat, kann man sich vie­les kau­fen, was frü­her mit dem Nach­barn geschaf­fen wer­den muß­te.
5. Durch die Markt­wirt­schaft hat man den Wert der Zeit und des Gel­des (Löh­ne) schät­zen gelernt.

6. Arbeit auf dem Hof
Eine Moder­ni­sie­rung des Hofes wird oft nötig:
a) wegen man­geln­der Arbeits­kräf­te
b) wenn die Eltern nicht mehr voll mit­ar­bei­ten kön­nen
c) wenn der Mann einer ande­ren Arbeit nach­geht und der Hof allein für die Frau bleibt (bis auf die Mond­schein­ar­beit des Man­nes).
Beur­tei­len muß das jeder bei sich selbst. Aber wenn die Kin­der sehen, wie sich die Mut­ter – oder die Eltern – kaputt schin­den, dann blei­ben sie bestimmt nicht, wenn sie bei ande­ren Beru­fen sehen, daß es leich­ter auch geht. Dar­aus folgt: Ver­ein­fa­chung der Arbeit, damit die Kin­der Freu­de dar­an haben.
Arbeit der Frau: Haus­ar­beit ist Arbeit! Dar­aus folgt: Erleich­te­run­gen und Maschi­nen im Hau­se so not­wen­dig wie auf dem Fel­de! Vor allem wenn die Frau auch drau­ßen mit­ar­bei­ten muß. Kin­der­er­zie­hung, Schul­auf­ga­ben­über­wa­chung ist schwe­re Arbeit, die ver­hee­ren­de Fol­gen haben kann, wenn sie ver­nach­läs­sigt wird.

7. Erho­lung
Die Arbeit auf dem Lan­de ist auf Erfolg und Leis­tung aus wie in der Stadt. Dar­aus folgt: Es ist eine gere­gel­te Erho­lung nötig wie in der Stadt. Ab und zu aus­ru­hen ist bei heu­ti­gem Leis­tungs­druck kei­ne Erho­lung, sie beginnt erst nach 14 Tagen! (Müt­ter­dienst!)
Wenn die Jugend den Hof über­neh­men soll, wenn die Nicht­er­ben im Dorf blei­ben sol­len, damit es am Leben blei­ben soll, muß das Dorf eine gere­gel­te Erho­lung akzep­tie­ren wie die Stadt, ja, es muß Erho­lung för­dern, damit man nicht in die Anony­mi­tät der Stadt flüch­tet. (Nega­tiv­bei­spiel mei­ne Erkran­kung in Hürn­heim). Neu­es Feld der Nach­bar­schafts­hil­fe: Nicht nur nicht schnell nach­se­hen, son­dern hel­fen, bes­sern und behü­ten.

8. Berufs­aus­bil­dung
Eine abge­schlos­se­ne Berufs­aus­bil­dung ist heu­te nötig:
a) wegen all­ge­mei­ner Spe­zia­li­sie­rung
b) wegen eines gesun­den Stol­zes: nicht unbe­dingt Hilfs­ar­bei­ter wer­den, mit dem man machen kann, was man will.
c) wegen einer gesi­cher­ten Exis­tenz: Fach­kräf­te sind gefragt, bes­ser bezahlt, tun sich beim Berufs­wech­sel leich­ter.

Hand­werk­li­che Beru­fe lie­gen nahe, da Anwend­bar­keit auf dem Hof und im Dorf mög­lich, Wohn­mög­lich­kei­ten im Dorf.
Fabrik­fach­kräf­te: wenn Arbeits­plät­ze in zumut­ba­rer Nähe sind.
Büro­be­ru­fe (Bank, Post): Woh­nung im Dorf, Hof­über­nah­me nicht nötig.
Sozi­al­be­ru­fe: gut zur Unter­stüt­zung der Dorf­ge­mein­schaft, Ver­trau­en, daß ers­te Hil­fe auch hier nahe ist (Dorf­hel­fe­rin, Betriebs­hel­fer, Kran­ken­pfle­ger, — schwes­ter, -pfle­ge­rin, Ver­wal­tung in Kran­ken­häu­sern; Schicht­ar­beit mög­lich).
Land­ver­bun­de­ne Beru­fe: Erhal­tung des Hofes durch Neben­er­werb. Mög­lich durch Eltern, Mono­kul­tur, da „. Bein“ im Beruf außer­halb des Betrie­bes.
a) Land­wirt­schafts­ge­hil­fe, Betriebs­hel­fer, Dorf­hel­fe­rin
b) Land­wirt­schafts­meis­ter, Saat­zucht­meis­ter, Mol­ker­ei­meis­ter, Brenn­meis­ter, Tier­zucht­fach­mann.
c) staat­lich geprüf­ter Land­wirt, Tech­ni­ker für Land­bau, mitt­le­re Tier­zucht­dienst.
d) Inge­nieur für Land­bau, geho­be­ner land­wirt­schaft­lich-tech­ni­scher Dienst
e) Lehr­amt an land­wirt­schaft­li­chen Berufs­schu­len
f) Diplom­land­wirt und höhe­rer land­wirt­schaftlci­her Dienst
An die­se vie­len Mög­lich­kei­ten müß­ten gera­den Sie den­ken, wenn Sie etwas für das Land tun wol­len.

9. Die Jugend
„Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft.“ Da es heu­te nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist, daß die Jugend bleibt, müs­sen wir uns bewußt und gezielt bemü­hen, sie dem Dor­fe durch vie­le Anrei­ze zu erhal­ten, bzw. locken, daß sie mög­lichst bald zurück­kom­men.
a) Dazu dien­ten die Aus­füh­run­gen über Aus­bil­dung, Arbeits­platz, Woh­nun­gen, Ver­kehrs­an­schluß, Erho­lung und Dorf­ge­stal­tung.
b) Die Jugend lernt durchs Fern­se­hen, aber vor allem durch die Berufs- und Fach­schu­len die Vor­zü­ge und Rei­ze der Stadt mit ihren Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen ken­nen. Da sich die Zei­ten durch die neu­en Arbeits- und Ver­dienst­mög­lich­kei­ten völ­lig gewan­delt haben, mei­ne ich müs­sen wir uns bemü­hen, die Jugend durch gleich­wer­ti­ge, dem Land ent­spre­chen­de Ange­bo­te bei uns zu behal­ten:

Wenn sie auf dem Hof ganz oder teil­wei­se mit­ar­bei­ten soll:
aa) eine gere­gel­te aus­rei­chen­de Bezah­lung; kein Taschen­geld, das ist für Kin­der; kei­ne gemein­sa­me gro­ße Kas­se mit den Eltern, bei der man bei jedem Hosen­kauf fra­gen muß.
bb) eine aus­rei­chen­de Sozi­al­ver­si­che­rung.
cc) eine gere­gel­te Frei­zeit und Fei­er­abend; sie set­zen genaue Arbeits­ein­tei­lung vor­aus (Blick auf Arbei­ter im Dorf)
dd) ein gere­gel­ter Urlaub; er muß mög­lich sein, ohne daß die Eltern reden als erlaub­ten sie etwas Beson­de­res.
ee) Mög­lich­kei­ten gesell­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Unter­hal­tung (Tanz, Kino, Thea­ter); für Trans­port ist zu sor­gen, damit nichts pas­siert.

Wenn sie hier nur wohnt:
Die Mög­lich­keit las­sen, ihren eige­nen Vor­stel­lun­gen zu fol­gen (Frei­heit).
Natür­lich muß alles den länd­li­chen Gege­ben­hei­ten angepaßt sein. Wenn wir nicht dazu bereit sind, wird die Jugend nicht blei­ben („Wir haben das frü­her auch nicht gehabt, wir müß­ten mit viel weni­ger zufrie­den sein“ …). Die Jugend inter­es­siert nicht, was frü­her war, son­dern sie ver­gleicht mit den Mög­lich­kei­ten, die sie heu­te in der Stadt hat. Schließ­lich: Ohne Zuge­ständ­nis­se wird es auch hier ein­mal schwer für jun­ge Bau­ern wer­den, eine Frau zu fin­den.

10. Die Gemein­schaft
Jedes Dorf muß sich um eine gute Gemein­schaft bemü­hen. Es darf bei so weni­gen Ein­woh­nern nie­mand ver­ein­sa­men, sonst kann man auch in die Stadt gehen. Es bie­ten sich dazu an: die kirch­li­chen Ver­an­stal­tun­gen, Haus­krei­se, Ver­ei­ne, Früh­schop­pen, u.a. Dabei muiß jedem ech­te Frei­heit gelas­sen wer­den, damit er nicht in die Ein­sam­keit der Stadt flie­hen will.

C. Das alles sind bekann­te Über­le­gun­gen. Sie haben den Sinn:
a) Wir sol­len uns recht­zei­tig über unse­re Mög­lich­kei­ten Gedan­ken machen, damit wir uns spä­ter nichts vor­zu­wer­fen haben.
b) Wir müs­sen auch bereit sein, die Kon­se­quen­zen zu zie­hen, wenn wir das eine oder ande­re für not­wen­dig erkannt haben, sonst wer­den wir schul­dig.
Der Grund für die­se Über­le­gun­gen liegt auch in den Gebo­ten, wo es in den Aus­le­gun­gen etwa heißt:
„Wir sol­len Gott fürch­ten und lie­ben, daß wir unse­rem Nächs­ten sein Gut und Nah­rung hel­fen bes­sern und behü­ten und för­dern in allen Lei­bes­nö­ten.“

Eck­hard Rei­chelt